Werder (Havel): Geschichte einer Fischer- und Obstzüchterfamilie
Die Geschichte von Werder (Havel) reicht weit in die Vorzeit zurück: Erste Siedlungen gab es bereits vor etwa 10.000 Jahren. Die Lage der Stadt, umspült vom Wasser, war für wandernde Siedler attraktiv. Sie ließen sich zuerst in Töplitz nieder, eine Halbinsel und heute ein Ortsteil von Werder. Ab dem Mittelalter begann die Besiedlung der Inselstadt. Sie ist das Zentrum der historischen Altstadt und der Ursprung meiner Familie väterlicherseits, die seit der Hochzeit meiner Großmutter im Jahre 1939 den Namen Schröder trägt. Ihre Vorfahren lebten über Generationen vom Obstanbau und von der Fischerei. Beides war Erwerbsquelle für viele Werderaner. Einige Familien bewahren die Tradition bis heute. Werfen wir einen Blick auf das Leben meiner Vorfahren in einer Stadt, die eine lange Geschichte hat.

Werder (Havel): Von der Kleinstadt zum anerkannten Erholungsort
Meiner ersten Erinnerungen an Werder (Havel) reichen bis in die 1970er-Jahre zurück. Damals war der Ort eine Kleinstadt mit etwa 10.000 Einwohnern. Mit Petzow gab es einen einzigen Ortsteil. Glindow und Phöben, zwei Nachbarorte, die heute zu Werder gehören, waren noch eigenständig. Wir hatten kein Einkaufszentrum und keine Kaufhalle. Die gab es erst zehn Jahre später. In der Straße „Unter den Linden“ reihten sich die Geschäfte aneinander, in denen wir einkauften: Konsum, HO, Drogerie, Fleischer, Bäcker und ein Gemüseladen mit dem Namen „Pomona“. Es gab ein Zeitungsgeschäft, einen Uhrenladen, den Buchhandel und einen Schweibwarenladen.
Die Menschen kannten sich: Wenn ich an der Hand meiner Mutter durch die „Stadt“ lief, grüßte sie immerzu. Bis heute gibt es Gesichter, die ich zuordnen kann, auch, wenn sie mir immer seltener begegnen: Die Frau, die das Essen in der Schulküche ausgab, die im Konsum arbeitete oder in der Post. Meine Großmutter verbrachte ihr ganzes Leben in Werder (Havel). Sie starb im Jahre 1988 und erlebte die Wende nicht mehr mit. Dürfte sie noch einmal wiederkommen, wäre sie vermutlich entsetzt: Werder hat sich seit der Wiedervereinigung so verändert, dass es kaum wiederzuerkennen ist.
Attraktive Lage an der Havel und ihren Seen
Zugegeben: Die Lage von Werder (Havel) ist ausgesprochen attraktiv. Die Havel umfließt die historische Innenstadt. Unser Stadtzentrum wird von drei Seen begrenzt: Der Große Zernsee im nördlichen Stadtgebiet, der Schwielowsee am südlichen Ende und der Glindower See im westlicher Lage haben Anschluss an die Havel. Nördlich des Glindower Sees befindet sich der Plessower See: Er ist ohne Zufluss und besonders ruhig und idyllisch. Wir sind verwöhnt, vom Wasser.

Heute hat unsere Stadt acht Ortsteile und etwa 26.000 Einwohner. Die Zahl steigt durch neue Wohngebiete weiter an. Die Veränderungen sind nicht nur positiv. Aber eine so attraktive Lage am Wasser vor den Toren Potsdams und Berlins konnten die Werderaner nach der Wende unmöglich für sich allein beanspruchen. Unsere Stadt ist seit einigen Jahren ein anerkannter Erholungsort.
Die deutsche Wiedervereinigung im Jahre 1991 brachte binnen einhundert Jahren zum zweiten Mal eine große Veränderung mit sich. Die erste ist auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert terminiert. Die Inselstadt wurde für die vielen Einwohner zu klein. Die Bebauung der Vorstadt begann. Zur Frühgeschichte von Werder (Havel) und der Architektur habe ich einen anderen Artikel geschrieben. Dieser Beitrag folgt den Spuren der Fischer – und Obstzüchterfamilien.
Die Inselstadt und ihre „Werderschen“
Die „Werderschen“ sind ein eigener Menschenschlag, heißt es oft. Der Enkelsohn von Auguste und Wilhelm Mai, er hieß ebenfalls Wilhelm und war Fischer, gehörte dazu: Er sprach einen urigen Brandenburger Dialekt, hatte einen rauen Umgangston und war von seinem Arbeitsleben auf dem Wasser geprägt. Sein Charakter war speziell, wen er nicht mochte, den mochte er eben nicht. Doch wenn er sich öffnete, war er ein sehr angenehmer und weitsichtiger Gesprächspartner, der seinen Beruf und die Natur über alles liebte. Obwohl er weit über das Rentenalter hinaus seinen Anteil an der Arbeit des Familienbetriebes einforderte, wurde er fast neunzig Jahre alt.
Geburtsrecht, Familienrecht, Wohnrecht?
Wilhelm Mai wurde auf der Insel geboren. Er war ein echter „Werderscher“, denn nur den Inselkindern war diese Auszeichnung vorbehalten. Mein Vater und sein Bruder waren in unserem Familienzweig die letzten „Werderschen“. Dann schaffte man die Hausgeburten ab und richtete in Potsdam eine Geburtsklinik ein. Somit gibt es heute im Grunde keine „Werderschen“ mehr.
Der Sohn von Wilhelm Mai und auch meine Wenigkeit beanspruchen dieses Prädikat dennoch für sich: Heute ist ein Werderscher, wer den Großteil seines Lebens auf der Insel verbringt oder wer zu den alten Familienzweigen gehört. Wie auch immer: Meine Vorfahren wurden auf der Insel geboren. Einige verbrachten ihr ganzes Leben dort, andere zogen in die Vorstadt. Denn im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde die Fläche zu klein. Werder vergrößerte sich und wuchs in einhundert Jahren zu der Kleinstadt im Berliner Speckgürtel, die sie heute ist.
Obstanbau und Fischerei
Der Obstanbau und die Fischerei trugen Werder über die Jahrhunderte. Einige Familien brachten es zu einem kleinen Wohlstand. Heute gibt es in unserer Familie nur noch meinen bereits erwähnten Cousin dritten Grades, der das Werk seines Vaters fortführt. Am Rande von Werder bewirtschaften einige Familien noch klassische Obstplantagen. Sie leben von dem Verkauf ihrer Früchte und der Weine, die daraus entstehen. Bis heute hat Werder zwei Weinberge. In der Frühen Neuzeit war der Anbau von Wein in der nördlichen Lage eine kleine Sensation und gleichzeitig ein lukratives Geschäft.
Mit meiner Großmutter, einer Enkelin von Wilhelm und Auguste Mai, starb die Tradition des Obstanbaus in unserer Familie. Mein Vater verkaufte unser Obstzüchterhaus mit dem großen Garten, weil er sich der Aufgabe neben seiner Arbeit nicht mehr gewachsen fühlte. Sein Bruder bewirtschaft den Garten des Elternhauses bis heute in Form einer kleinen Selbstversorgung. Blicke ich hinein, in die Geschichte meiner Vorfahren väterlicherseits, waren alle Fischer oder Obstzüchter. Und sie trugen alle den Nachnamen Mai. Unseren bisherigen Recherchen zur Folge haben die beiden Zweige der Mai-Familie nichts miteinander zu tun.

Die Familien hatten kein einfaches Leben
Wie müssen wir uns das Leben der Fischer und Obstzüchter vorstellen? Auf jeden Fall war es nicht einfach. Die Familien waren weitestgehend selbstbestimmt. Eine Organisation in Verbänden gab es meines Wissens nicht. Sie bewirtschafteten ihren Garten hinter dem Haus und hatten im Umkreis von Werder (Havel) Grundstücke mit Obstbäumen. Die Grundstücke hatten Zugang zum Wasser. So war es möglich, die Fischerei selbstständig auszuüben.
Das Obst wurde in sogenannten Tienen nach Berlin verschifft und dort frisch verkauft. In Werder erinnert der Tienenplatz daran: Die Fässer aus Eichenholz, die bis zu vier Kilogramm Obst fasste, gaben ihm seinen Namen. Er wurde nach der Wende neu gestaltet. Wenn du magst, kannst du dort verweilen und dir versuchen vorzustellen, wie die Obstzüchterfrauen beim Verladen der Früchte helfen. Theodor Fontane beschreibt die Menschen in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ als knochig, eigensinnig und sehr erfahren. Das trifft zu, auf die Werderschen, die seit Jahrhunderten einen, geprägt durch ihre Arbeit, eigenen Charakter hatten.

Neben der Arbeit im Obstanbau und auf dem Wasser versorgten die Frauen den eigenen Garten, den Haushalt und die Kinder. In unserem Familienarchiv gibt es Fotos von Dienstmädchen, die bei der Ernte oder im Haushalt halfen. In der einstigen Waschküche meines Elternhauses stand noch ein großer Trog, in dem meine Urgroßmutter ihre Wäsche wusch. Die mehrmaligen Kleider sowie die Anzüge und die Arbeitsbekleidung der Männer mussten auf einem Waschbrett gesäubert werden.
Der Tagesrhythmus orientierte sich an den Jahreszeiten
Der Tagesrhythmus der Familien orientierte sich am Sonnenlauf. Elektrizität gab es erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Wann die Häuser meiner Familie in Werder Strom bekamen, ist nicht genau bekannt. Es dürften die späten 1920er-Jahre gewesen sein. Wohlhabende Familienvillen kamen eher in den Genuss des elektrischen Lichts als die einfachen Wohnhäuser der Fischer. Vorher dienten Lampen, die mit Gas oder Petroleum befeuert wurden, als Standard. Die Menschen gingen früh zu Bett und standen mit dem Sonnenaufgang auf. Im Sommer waren die Tage lang. Der Winter diente aber nicht nur der Erholung: Es mussten Bäume geschnitten und Netze geflickt werden.
Der Tagesablauf war immer gleich. Die Familien waren routiniert, die Kinder wuchsen mit den Aufgaben auf. Meine Großmutter und ihr Bruder lernten keinen klassischen Beruf. Sie beendeten ihre Schule nach der achten Klasse und halfen dann im elterlichen Betrieb aus. Mein Großonkel behielt in der DDR-Zeit seinen Beruf als Obstzüchter und trat in die GPG ein. Meine Großmutter bewirtschaftete ihre beiden Gärten nur noch privat. Von der Genossenschaft hielt sie nichts.
Mein Großvater Hermann Schröder war Gärtnermeister. Er liebte die Blumenzucht. Besonders Alpenveilchen hatten es ihm angetan. Beide arbeiteten bis ins hohe Alter und kannten keine klassische Rente. Obwohl es spätestens nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges flächendeckend Elektrizität gab, behielten sie ihren Rhythmus bei, der sich an den Jahreszeiten und an der Reife der Früchte orientierte. Mit Ausnahme von Besuchen in West-Berlin, die für Rentner in der DDR möglich waren, verreisten sie nie. Ihr Leben fand zu Hause in Werder statt.
Die Familienzweige in Werder (Havel)
Ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert sind die Zweige meiner Familie in Werder (Havel) sehr gut erforscht. Meine Urgroßeltern Ernst und Martha Mai kannten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schon als Kinder. Ihre Elternhäuser liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Ernst wuchs mit drei Brüdern am Fuße des Mühlenberges auf. Wenn er die Inselstadt verlassen wollte, führte ihn sein Weg am Elternhaus seiner künftigen Ehefrau vorbei. Martha hatte einen Bruder, der ebenfalls Ernst hieß. Dieser heiratete in erster Ehe Martha Werner. Sie starb früh, weil sie sich beim Verkauf des Obstes bei unwirtlichen Witterungsbedingungen eine schwere Lungenkrankheit zuzog.


Die Mai-Familien sind nicht miteinander verwandt
Familie Mai vom Mühlenberg war nicht mit den Mai’s von der Torstraße verwandt. So konnten Ernst Mai und Martha Mai geborene Mai heiraten. Sie verließen die Insel und fanden in der Potsdamer Straße ihr Zuhause.
Die Eltern von Martha habe ich bereits erwähnt. Zum Zeitpunkt ihrer Geburt lebte die Familie seit acht Generationen an der Inselbrücke. Über die Familie ihres späteren Ehemannes Ernst Mai ist nicht so viel bekannt. Seine Eltern waren August Mai und Marie Heese. Als Fischer und Obstzüchter lebten sie am Fuße des Mühlenberges.


Dass es Fotos von meinen Urur-Großeltern gibt, ist ein kleiner Schatz mit einem sehr großen Wert. Durch die Bilder und die Geschichten dahinter wird das Leben der Familien in Werder lebendig. Wenn ich über die Inselstadt laufe und an den Häusern und Plätzen vorbeikomme, versuche ich mir vorzustellen, wie es gewesen sein könnte, damals, vor mehr als einhundert Jahren.
Werder (Havel) und die Geschichte meiner Familie – eine enge Verbindung
Die Geschichte des väterlichen Zweigs meiner Familie ist mit Werder (Havel) ganz eng verbunden. Wir haben noch nicht herausgefunden, wann genau die Mai’s, Hagemeisters und Heeres hier sesshaft wurden. Meine Urgroßeltern erlebten vor gut einhundert Jahren die Entwicklung Werders von einer kleinen historischen Siedlung auf der Inselstadt zu einer Kleinstadt, die sich aus der Vorstadt entwickelte.
Meine Generation verbringt die Jahrzehnte in einem Werder, das immer weiter wächst, mit all seinen positiven, aber auch negativen Folgen. Genauso mögen meine Urgroßeltern auch gedacht haben: Das kleine beschauliche Leben auf der Inselstadt dehnte sich auf das Festland aus.
So reißt die Verbindung zwischen uns und unseren Ahnen nicht ab. Wir gehen unseren Weg in unserer Zeit und passen uns an unser Lebensumfeld an. Dennoch sind wir die gleichen Wege gelaufen und genossen den identischen Blick auf die Havel. Auf den Fluss unserer Heimat. Er begleitet die Generationen und wird auch dann noch durch Werder fließen, wenn unsere Nachkommen ihrer Urahnen gedenken – uns!

Ahnenforschung Schröder/Bartolomaeus
AH 2026-01