Ein Obstzüchterhaus in Werder (Havel)
Die Potsdamer Straße in Werder (Havel) entstand in ihrer heutigen Form gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Am Rande des einstigen Feldweges, der nach Potsdam und Berlin führte, errichteten Fischer und Obstbauern neue Häuser. Die meisten von ihnen sind bis heute in ihrer ursprünglichen Form noch vorhanden. In einem dieser Häuser bin ich in der vierten Generation aufgewachsen. Mein Elternhaus gibt es heute nicht mehr, aber die Erinnerung daran ist in mir lebendig geblieben. Im ersten Artikel meines Herzensprojektes Ahnenforschung möchte ich auf meine Wurzeln zurückblicken. Dank der fleißigen Arbeit meines Urgroßvaters Walter Pfautsch aus Staaken reichen sie weit zurück. Er ist ein Vorfahre der mütterlichen Linie. Das Obstzüchterhaus kauften meine Großeltern väterlicherseits vor 1910. Vier Generationen war es in Besitz unserer Familie. Der neue Eigentümer ließ es abreißen, doch die Erinnerungen bleiben lebendig.

Obstzüchterhäuser – kleines Wohnzimmer, großes Nebengelass
Bei einem Spaziergang durch die einstige Vorstadt von Werder (Havel) entdeckst du sie überall: Große Obstzüchterhäuser mit viel Nebengelass und großen Gärten. Auch wenn diese heute immer seltener bewirtschaftet und zu Zwecken der Zweitreihenbebauung geteilt werden, ist die Struktur der Besiedlung, wie es sie vor einhundert Jahren gab, noch zu erkennen.

Unser einstiges Wassergrundstück in Werder (Havel) besteht an der Straße aus mehreren Reihen aufgetürmter Steine. Ein offenes Kellergewölbe, mit Unkraut und einem wilden Essigbaum bewachsen, und das restaurierte Nebengelass rauschen an mir vorbei, wenn ich mit dem Fahrrad durch die Straße fahre, in der ich aufgewachsen bin. Den großen Garten gibt es noch. Er erstreckt sich bis ans Ufer der Havel. Mein Vater sprach stolz von einem Morgen Land, bewachsen mit Obstbäumen und Gemüsebeeten.
Die Häuser hatten recht kleine Wohnzimmer. Die „Gute Stube“ war sehr gepflegt und wurde nur zum Feierabend betreten. In jedem Zimmer stand ein Ofen. Auch in meiner Kindheit war das noch so: Erst mit 24 Jahren kam ich erstmals in den Genuss einer Zentralheizung. Ein Badezimmer und eine Küche mit Gasheizung hatten wir in einem Anbau. Meine Urgroßeltern lebten sehr viel einfacher.
Deutlich größer als die Wohnung war das Nebengelass. Heute siehst du es hinter vielen Häusern. Viele Eigentümer haben es ausgebaut. Sie nutzen es als Ferienwohnung oder vermieten es.
Erinnerungen an meine Kindheit
Wir nutzten das Nebengelass als Schuppen: Drei gab es. Einer war voll mit Holz, im zweiten stand der blaue Trabant meines Vaters. Später war der Trabbi grün. Der dritte Schuppen gehörte meinem Großonkel. Nun bin ich mitten drin, in einer Zeit, in der Werder (Havel) noch in der DDR lag und wir in den großen Obstgärten umher tobten.
Vorn am Haus pflegte meine Mutter ihren Blumengarten. Es schloss sich eine Rasenfläche an. Ein großer Nussbaum spendete Schatten. Unter ihm saßen wir zusammen, bei Kaffee und Kuchen, wenn wir eine Familienfeier hatten.

Auf dem Rasen spielte ich mit meinen Freundinnen Gummihopse oder Federball. Wir breiteten unsere Decken aus, lagen in der Sonne, lasen ein Buch und sprachen über unseren ersten Schwarm, der mit uns zur Schule ging und den wir uns nicht anzusprechen trauten.
Unter dem Nussbaum machte ich gern meine Hausaufgaben. Ich bereitete mich auf die Abschlussprüfungen vor und trauerte in dieser Zeit meinem ersten Freund hinterher. Wir feierten meine Jugendweihe und unsere Hochzeit dort. Im Herbst sammelten wanderten die Nüsse vom Rasen direkt in unseren Magen. Heute mag ich keine Walnüsse mehr: Sie sind mir zu trocken.
Ein Haus – zwei Familien
Wir lebten nicht allein, in dem Haus. Mein Großonkel hatte bis zu seinem Tod eine Haushälfte inne. Er wurde in dem Haus geboren und erhielt von seinem Vater, meinem Uropa, ein lebenslanges Wohnrecht. Ihm gehörte der dritte Schuppen.

Platz war genug, für zwei Familien. Jeder hatte einen eigenen Eingang von der Gartenseite. Der Haupteingang zeigte zur Straße. Ihn nutzen wir gemeinsam. Wir wohnten rechts von der Haustür, mein Großonkel lebte links. Die obere Etage gehörte uns. Sie war nicht ausgebaut: Es gab nur zwei beheizbare Zimmer, einen riesigen Flur und vier Kammern, in denen viel altes Zeugs herumstand.
Der Keller war kalt, es roch immer feucht. Die Gewölbe flößten mir als Kind Angst ein. Mein Vater, geboren 1940, hatte vage Erinnerungen an den Krieg. Er sprach davon, dass der Keller so gut gebaut wäre, dass er Schutz vor den Bomben bot. Zum Glück überstand das Haus die Kriegstage unbeschadet.

Der Wert eines Wassergrundstücks
Der Garten endete am Wasser. Doch wir nutzten diese traumhafte Lage kaum. Unser Boot, ein Delphin mit einem Seitenmotor der Marke Forelle und einem Rumpf aus Gummi, lag im Trockendock der ehemaligen Waschküche meiner Urgroßmutter. Wegen des üppigen Bewuchses an Teichrosen konnten wir am Ufer nicht baden gehen. Das war an einem öffentlichen Weg zwei Grundstücke weiter möglich. Mit einer Angel oder der Senke haben wir Fische gefangen. Die meisten ließen wir wieder frei. Doch als sich einmal ein Aal in meiner Senke verirrte, landete er auf dem Teller meines Vaters. Meine Mutter musste ihn zubereiten, obwohl sie Fisch nicht sonderlich mochte.

In unserem Garten gab es Obst und Gemüse. Kirschen, Äpfel, Pflaumen, Mirabellen, Pfirsiche, Nüsse. Mein Vater baute Kartoffeln und Tomaten an. Erdbeeren wuchsen, mein Onkel zog Spargel, der reiche Ernte brachte. Ich konnte den Wert dieses Grundstücks nie schätzen. Gartenarbeit habe ich gehasst: Vor allem dann, wenn ich als Teenager morgens aufstehen und bei der Ernte helfen musste. Wir gaben das Obst und Gemüse bis 8.30 Uhr an der Sammelstelle ab. Von dort aus wurde es nach West-Berlin gebracht und verkauft.
Mit 18 Jahren zog ich aus
Mit 18 Jahren heiratete ich, wir bekamen eine Neubauwohnung. Ich zog aus und war glücklich, gemeinsam mit meinem Mann und unserem ersten Kind ein eigenes Reich zu haben. Sehnsucht nach meinem Elternhaus hatte ich keine. Nur die neue Badewanne war gewöhnungsbedürftig. Warum ich mich ausgerechnet daran erinnere? Ich weiß es nicht mehr.
Verkauf und Abriss
Nur wenige Wochen nach unserem Auszug starb mein Großonkel: Vielleicht wären wir geblieben und hätten seine Wohnung bezogen. Wir hätten auch das Dachgeschoss ausbauen können. Dort wäre viel Platz gewesen. Doch diese Idee stand nie zur Debatte.
Zwei Jahre später trennten sich meine Eltern. Mein Vater blieb allein in dem Haus und fragte uns, ob wir zurückkommen wollten. Doch wir hatten unsere Wohnung so schön eingerichtet und liebten unser Leben dort. Dann kam die Wende und mein Vater entschied sich zum Verkauf des Hauses. Ihm war es zu groß. Der Sanierungsbedarf überforderte ihn. Von dem Geld wollte er sich einen kleinen Bungalow bauen lassen. Mit einer zentralen Heizung, die er in seinem Leben nie hatte, und einer überschaubaren Größe. Doch kurz nach dem Verkauf starb er.
Eine Rückführung scheiterte
Mein Bruder und ich waren zunächst Erben des Hauses. Plötzlich wurde uns bewusst, was wir verloren hatten. Doch es war zu spät: Mein Vater hatte den Notarvertrag unterschrieben, der neue Eigentümer aus West-Berlin wollte keinesfalls auf sein neues Zuhause verzichten. Eingezogen ist er nie: Er verkaufte das Grundstück später weiter, weil er sein geplantes Bauvorhaben nicht verwirklichen konnte.
Mein Elternhaus stand danach leer. Es wurde von Obdachlosen bewohnt, der Dachstuhl brannte aus. Im Jahre 2010 riss es der neue Besitzer ab.

Vier Jahrzehnte Familiengeschichte
Vier Jahrzehnte wohnte unsere Familie in dem Obstzüchterhaus. Meine Urgroßeltern kauften es. Alternativ bekamen sie es geschenkt: Was davon stimmt, haben wir noch nicht herausgefunden. Meine Großmutter und mein Großonkel wurden in dem Haus geboren. Mein Großcousin ebenfalls.
Nach dem Tod meines Urgroßvaters Ernst Mai im Jahre 1968 erbte mein Vater das Haus. Mein Bruder und ich kamen in Potsdam zur Welt, weil Hausgeburten in unserer Generation nicht mehr üblich waren. Mein Mann und ich lebten mit unserem ältesten Sohn ein Dreivierteljahr in dem Haus, bevor wir in unsere Wohnung zogen.

Das Obstzüchterhaus war mehr als 80 Jahre im Besitz unserer Familie. Vier Generationen haben in ihm gewohnt. Mit meinem Urgroßvater starb die Tradition der Fischerei in unserem Familienzweig aus. Meine Großeltern waren die letzten Obstzüchter. Mein Vater und sein Bruder schlugen andere berufliche Wege ein. Der Obstanbau wurde ein Hobby. Heute bewirtschaftet mein Onkel noch einen Obstgarten. Wir leben in einem Reihenhaus, der Garten ist ausgesprochen überschaubar. Doch Gartenarbeit war nie ein Steckenpferd, von meinem Mann und mir. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn wir in meinem Elternhaus geblieben wären.
Jung und unbekümmert
Achtzehn Jahre lebte ich in dem Haus, das meine Urgroßeltern bauten oder geschenkt bekamen. Ich habe viereinhalb Monate nach meiner Volljährigkeit geheiratet und bin mit meinem Mann und unserem kleinen Sohn in eine Neubauwohnung gezogen. Zweieinhalb Zimmer, Küche, Bad. Unser eigenes Reich, für fünfundfünfzig Mark warm. Wir richteten es von dem Ehekredit ein und von dem Geld, das unsere Eltern in die Töchterversicherung gespart hatten.
Wir waren glücklich und fühlten uns wie Könige, in unserer ersten eigenen Wohnung. Doch von meinem Elternhaus war es ein Abschied für immer: ich kehrte nie zurück, in mein Zuhause, in dem ich in vierter Generation aufgewachsen bin. Geblieben sind die Erinnerungen und die Steine, auf die mein Blick fällt, wenn ich mit dem Fahrrad an meinem ehemaligen Zuhause vorbeifahre.
Wurzeln in Werder (Havel)
Meine Wurzeln liegen in Berlin-Brandenburg und in Mecklenburg. Sie sind geprägt durch die Teilung Deutschlands und durch Familienzweige, die, betrachtet man ihre Herkunft, unterschiedlicher nicht sein können: Mein Vater entstammte einer Familie von Fischern und Obstzüchtern. Mein Großvater mütterlicherseits war Arzt, mein Urgroßvater ein evangelischer Pfarrer.
Beim Studium in Leipzig lernten sich meine Eltern kennen. Ich wurde vier Jahre nach der Hochzeit geboren, mein Bruder ist sechs Jahre jünger als ich. Wir beide tragen die Liebe zu unserem Elternhaus auch nach Jahrzehnten noch in unseren Herzen.
Es bleibt die Erinnerung
Geblieben sind uns die Erinnerungen an eine wunderbare Kindheit. Nie verarbeitet blieb der Verlust unseres Elternhauses: Es gibt Momente im Leben, aus denen wir aus dem Bauch heraus eine Entscheidung treffen. Erst viel später werden uns die Konsequenzen bewusst. Wir würden gern die Zeit zurückdrehen und die Entscheidung ändern. Doch das ist nicht mehr möglich. Das Obstzüchterhaus, unser Elternhaus, gibt es nicht mehr. Doch es hat eine Geschichte. Es ist die Geschichte unserer Familie, die ich auf diesen Seiten erzählen möchte. Noch sind es Namen und Orte, die in loser Reihenfolge nebeneinander stehen. Doch ich möchte ihnen ein Gesicht geben.
Werder (Havel) ist meine Heimat und die Heimat meiner Ahnen väterlicherseits. Für mich ist sie lebenslang Heimat geblieben: Ich werde hier nicht mehr weggehen. Den ersten Artikel meiner Familiengeschichte habe ich meinem Elternhaus gewidmet. Viele weitere sollen folgen: Namen, Orte und Erinnerungen finden hier ihren Platz. Und wer weiß: Vielleicht finden sich Interessierte, die Teil meiner Familie sind, ohne dass sie es bislang wussten?


Ahnenforschung Schröder/Bartolomaeus
AH 2024-01